Die Darstellung der Menschwerdung - konkret oder abstrakt - läßt sich nach heutigen Erkenntnissen bis in das 6. bzw. 5. Jahrtausend zurückverfolgen. Bereits in den frühesten Epochen der bildenden Kunst begegnen wir vorwiegend Darstellungen der schwangeren Frau, viel seltener der eigentlichen Geburt. Das Erlebnis der Geburt, des Mutter- und Vaterwerdens, ein seit Urzeiten sich wiederholender Akt, hat den Menschen und besonders den Künstler immer wieder von neuem fasziniert und inspiriert. Auf ganz besondere Weise nähert sich Ubbo Enninga diesem Thema. Sein unnachahmliches, überaus faszinierendes Werk erscheint uns zunächst ungewöhnlich, bei näherer Betrachtung aber durchaus logisch: Getragen durch die Kraft der Liebe und der Zusammengehörigkeit, erhebt der Mann seine Frau und damit sinnbildlich den gesamten Schöpfungsakt auf eine höhere Ebene. Während der Kopf des Kindes bereits das Licht erblickt, erhebt die werdende Mutter dankbar und voller Freude ihre Arme gen Himmel. So entsteht eine unglaubliche Spannung aber auch Leichtigkeit: Der Vater, fast schreitend - gelöst, mit aufwärtsgerichtetem Kopf und weit geöffneten Armen, trägt auf einer angedeuteten Ebene die Gebärende, zwischen deren weit gespreizten Schenkeln das erwartete Kind sichtbar wird. Alles strebt nach oben, öffnet sich am Ort des Geschehens - der Geburt -, um sich kelchförmig über dem Leib, in den erhobenen Armen der Mutter, wieder zu schließen. Eine außerordentliche Darstellung eines ungewöhnlichen Augenblicks.   D.E.





Geburt. 1992, 1.Fassung, Bronze, Blei, Fichte, 85x42x12 cm < 12/18 >