Willkommen, Mensch!
von Sebastian Gronbach

Als ich fünfzehn Jahre alt war, da lief ich an dem Haus von Ubbo Enninga vorbei. Heute bin ich fünfunddreißig und heute laufe ich nicht an dem Haus von Ubbo Enninga vorbei, sondern ich trete ein. Damals war es Nacht. Heute ist es Morgen. Der nächste Morgen - zwanzig Jahre später. Damit man den Morgen verstehen kann, muss man etwas über die Nacht wissen.

Damals, in dieser Nacht, war ich voller großer, verwirrender Gefühle. Ich hatte tagsüber meinem Vater geholfen in der Waldorfschule, die nur wenige Minuten entfernt lag, eine Verkaufsausstellung zu organisieren. Mein Vater verkaufte Kunstdrucke. Er hatte sich der höchsten Qualität verschrieben und deshalb mit mir halb Italien durchreist, um in den traditionsreichen Druckereien und Museen die reproduzierten Werke großer, klassischer Meister aufzukaufen, die dem Original am nächsten kamen. Diese Drucke präsentierte und verkaufte er nun im Rahmen von verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen. Ich half ihm die Verkaufsausstellung im Stile einer Galerie aufzubauen, informierte potentielle Kunden über Preise, Qualität und kunstgeschichtliche Zusammenhänge und nahm Bestellungen auf.

«Mit Bildern leben» war das Motiv seiner Firma und zumindest ich lebte intensiv mit diesen Bildern. Viele Stunden lebte ich mitten in Raffael, van Gogh, Kandinsky und Michelangelo. Ich atmete aber nicht nur diese meisterhafte Kunst ein, sondern ich hatte auch ein Auge für diejenigen, die vor den Bildern standen. Vor der «Sixtinischen Madonna» stand an diesem Tag ein Mädchen und in dieses Mädchen verliebte ich mich. Ich hatte mich einige Stunden vorher bereits in ein anderes Mädchen verliebt und ein drittes ging mir ebenfalls nicht aus dem Sinn. Verlieben ging bei mir damals also ziemlich schnell. Als es Abend wurde, der Verkauf war für heute abgeschlossen und mein Vater bereits gegangen, blieb ich noch mit einer Gruppe von Mädchen und Jungs auf dem Rahmenfest. Dann wurde aus dem Abend die Nacht. Aus unserer Gruppe wurde ein Paar. Das sixtinische Mädchen und ich. Ihre Eltern wohnten in der Alexanderstraße. In derselben Straße wohnten auch meine Großeltern und für einige Tage mein Vater und ich. In derselben Straße wohnt auch Ubbo Enninga.

Ich brachte das Mädchen zu ihrem Haus. Wir blieben noch eine Weile davor stehen, tauschten Telefonnummern, aber keine Küsse und umarmten uns. Sie ging hinein in das Haus, schloss die Türe und ich war allein in der Alexanderstraße. War ich allein? In mir waren die sixtinische Madonna und das Mädchen davor, welches nun hinter Mauern war. In mir waren der Mann mit dem Goldhelm und meine jugendliche Sehnsucht danach, ein Held zu sein. In mir saßen die Kartoffelesser beim kargen Mahl und mein Vater zählte die wenigen Aufträge. In mir flog Picassos blaue Taube am Isenheimer Altar vorbei und das Licht des auferstandenen Christus strahlte durch die Taube in mein Herz.

Innen war ich nicht allein, in mir waren Bilder und Menschen, Schmerzen und Lust, Ahnung und Hoffnung, lebendige Kunst und kunstvolles Leben. Aber draußen stand ich vor einer verschlossenen Tür und vor alten, kalten Mauern.

Ich ging die Straße weiter. Einige Minuten hatte ich noch zu gehen. Wenige Sekunden dieser Minuten führten auch an Ubbo Enningas Haus vorbei. Dann lag ich schließlich auf meiner Luftmatratze zwischen Kühlschrank und Schreibtisch.

Am nächsten Morgen, zwanzig Jahre später, gehe ich den gleichen Weg in die andere Richtung. Heute habe ich mich mit Ubbo Enninga verabredet, bisher kennen wir uns nur über Telefon und Email. Ich hatte im Haus meiner Großeltern übernachtet. Zum erstenmal in meinem Leben war ich in dieser Wohnung alleine. Meine Oma ist längst gestorben und mein Opa lebt in einem Heim. Ich soll meiner Mutter helfen die Wohnung aufzulösen, ich bin die Vorhut fürs Grobe. Ich werde die Schlüssel zu diesem Haus abgeben und eine weitere Tür zu meiner Kindheit wird sich schließen. Einige Minutenmeter weiter steht er vor seinem Haus. Er kommt mir entgegen, nennt mich beim Namen und öffnet mir strahlend die Tür zu seiner Wohnung.

Jetzt bin ich nicht mehr auf der Straße, vor alten kalten Mauern, jetzt bin ich drin auf warmem Holz in weichen Kissen sitze ich als Gast und werde gut und liebevoll behandelt. Um mich herum steht Ubbo Enningas Werk. Skulpturen, Portraits, Menschenbilder.

Vor zwanzig Jahren ging ich an diesem Haus vorbei. Außen alleine, in mir eine Welt. Jetzt hat jemand die Tür geöffnet, mich beim Namen genannt und ich bin in der Welt. Ubbo Enninga ist ein Künstler, der sich nicht damit zufrieden gibt, ein Künstler zu sein. Enninga macht auch die Tür auf und behandelt sein Publikum gut und liebevoll, als Mensch und in der Arbeit. Er achtet und ehrt die Menschen.

Ich gehe selten in ein Museum mit zeitgenössischer Kunst und immer wenn ich drin bin, fühle ich mich einsam, ratlos und alleine gelassen, als würde mein Blut aus mir weichen, als verlöre ich meine Vitalität. Es ist keine gute Einsamkeit, keine Einsamkeit, die dadurch entsteht, dass jemand einen großen Raum geöffnet hat. Es ist eine ausgedachte Einsamkeit. Es ist keine künstlerische Ratlosigkeit, in der ich auf mein authentisches Selbst zurückgeworfen werde, sondern eine künstliche und fruchtlose Ratlosigkeit.

Zeitgenössische Kunst, so wie ich sie nicht mag, lehnt mich ab. Sie verkauft sich als jemand, der mich aufrütteln, provozieren will, mich zum Nachdenken und Neufühlen anregen will, aber eigentlich verachtet sie mich. Manche zeitgenössische Kunst findet kein großes Publikum, weil sie das Publikum nicht sucht, hat keine Breitenwirkung, weil sie auf das Volk herabschaut, aber das Volk, das sind die Menschen. Menschen lassen sich nicht ewig anschreien und provozieren, lassen sich nicht permanent auf die Füße treten und haben von Missachtung und künstlerischem Hochmut die Nase voll. Moderne Menschen wollen keine moderne Kunst, zu der man nur eine Beziehung haben kann, wenn man studiert hat, dicke Bücher auswendig kennt oder von der man Kopfschmerzen bekommt. Moderne Menschen wollen als ganze Menschen angesprochen werden. Sie fühlen sich unterfordert, wenn man ihren Kopf überfordert, wenn sie nicht an ihrer Sehnsucht, in ihrer Seele, in ihrer Göttlichkeit angesprochen werden, dann schauen sie lieber «Wetten dass..?». Zurecht. Gottschalk tut wenigstens so, als hätte er die Menschen gerne.

Aber Menschen wollen wieder wie Menschen behandelt werden, sie haben die Sehnsucht nach einer Kunst, von der sie eingeladen werden. Ubbo Enninga lädt mich ein, er spricht mich an, kennt meinen Namen. Er gibt mir mit seinem Werk ein Rätsel auf, aber er haut es mir nicht um die Ohren, sondern überreicht es mir mit einem Lächeln. Zu Enningas Rätsel kann ich auch ohne kluge Lösung eine Beziehung, ein Verhältnis aufbauen. Enningas Werk spricht mit mir. Seine Skulpturen verwirren mich, nicht weil sie blöd schweigen, sondern weil sie mich an verschiedenen Orten berühren können. Sie sprechen mich mit ihrer überragenden Schönheit an, mit ihrer Würde und Ästhetik und gleichzeitig zeigen sie Wunden, Makel erzählen schaurige Geschichten. Sie sind so, wie ich mich damals fühlte, so wie Menschen aus Fleisch und Blut und mit Seele und Geist sind: Voller Leben und Gewalt, voller Schönheit und platzender Erotik, voller Sehnsucht nach Frieden und Ruhe und mit einer weltumarmenden Liebe. Enningas El Niño zum Beispiel ist ein Prophet, der die Worte von Nelly Sachs spricht: «Wenn die Propheten aufständen in der Nacht der Menschheit, wie Liebende , die das Herz des Geliebten suchen, Nacht der Menschheit, würdest Du ein Herz zu vergeben haben?» Aus Enningas Werk spricht das, was Rudolf Steiner für unser Zeitalter postuliert hat: «Die Herzen beginnen Gedanken zu haben; die Begeisterung entströmt nicht mehr bloß mystischem Dunkel, sondern gedankengetragener Seelenklarheit.»

Enningas Werk ist spirituell. Aber nicht weil er denkt es müsse spirituell sein, nicht weil er sich ein Symbol für etwas ausdenkt und es dann nachbaut, sondern weil er aus der Liebe zur Tat, aus und aus einer Beziehung zur geistigen Welt handelt. Wie alle Menschen, die dem Schicksalsstrom des Eingeweihten Christian Rosenkreuz entspringen, ist auch Ubbo Enninga jemand, der vollständig im Mysterium der Tat lebt. Christian Rosenkreuz steht neben Künstlern, die aus einem Stein einen Kopf machen, aus einem Holz einen Torso, aus Nichts eine Welt. Christian Rosenkreuz steht neben Menschen, welche die sich zusammenkrümmende Erde in einen Stern verwandeln, er steht neben den modernen Alchimisten, die als Bio-Bauern dem Boden Gutes tun, neben den Forschern, die in ein kleines Kügelchen die Kraft der Heilung bannen, Rosenkreuz steht neben den Ärzten und Rettungssanitätern, die in Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Christian Rosenkreuz wirkt aber nicht nur dort, wo die Schönheit und das Leben eine Heimat haben. Christian Rosenkreuz fühlt sich auch für das Hässliche, die Dummheit und Armut verantwortlich. Er klagt diese Schmerzzustände nicht an. Er geht hin, greift zu und verwandelt die Welt.

Ubbo Enninga ist ein solcher Weltverbesserer im besten Sinne. Er hat keine Angst vor Schönheit, Würde, Göttlichkeit und vor allem hat er keine Angst vor den Menschen. Er stellt sie in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Sie sind das Maß und die Lösung. Und vor allem: Er liebt sie. Er hat den Willen, die geistige Präsenz und - oh welch eine Wohltat - die Fähigkeit, diese Liebe zu zeigen. In echten, spektakulären und zärtlichen Kunstwerken, die mich als ganzen Menschen ansprechen.

Damals, vor zwanzig Jahren, lebte ich mit den großen Künstlern und sie sprachen mit mir. Sie kommunizierten mit meinem Leben, meinen Sorgen und Hoffnungen. Die sixtinische Madonna rannte nicht weg, als ich dem Mädchen auf den Hintern schaute, sie trug auf ihrem Arm jemanden, der vor allem eines war: Jemand, der immer wieder auf die Menschen zuging, immer wieder heilte, immer ein Wort und ein Ohr hatte und nie aufhörte zu lieben...

Zugegeben: Viele, große und vielleicht pompöse Worte. Ubbo Enninga und sein Werk haben sie nicht nötig, aber ich will sie sprechen für alle diejenigen Menschen, die Sehnsucht nach einer Kunst haben, die sie anspricht. Manche Menschen trauen sich nicht, anderen fehlen die Worte und wieder anderen die Stimme. Meinem Vater zum Beispiel. Er erlitt wenige Wochen nach der Ausstellung einen Schlaganfall und ist seit dieser Zeit sprachlos. Manche haben ihn damals für seine altmodische Liebe zu Michelangelo und seinen Brüdern verlacht. Ubbo Enninga und sein Werk nehmen mich ernst und ich habe die Hoffnung, dass die Menschen sich nicht länger von klugen Köpfen langweilen, sondern von ganzen Menschen ansprechen lassen.

Wer dachte, Kunst spreche ihn nicht an, wer von Kunst ernst genommen werden will, wer Kunst begegnen will, dem macht Ubbo Enninga die Tür auf und nennt ihn bei seinem Namen.

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   Biographie

1955 in Biedenkopf geboren
1975-76 Studium an der Philipps-Universität Marburg
1976-77 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Kassel
1977-83 Studium an der Kunstakademie Stuttgart
seit 1983 freischaffender Bildhauer
1984 Heirat mit Elcilyn
1983-86 Lehrauftrag für Bronzeguß an der Kunstakademie Stuttgart
1983 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
1985 Villa Romana, Florenz
1991 Atelierstipendium Baden-Württemberg
1992-93 Lehrauftrag für Zeichnen im Fachbereich Architektur der Universität Stuttgart
Anerkannter Heiler im Dachverband Geistiges Heilen, Astrologe
Lebt und arbeitet in Berlin und Stuttgart.


Bibliographie

Peter Arlt
Dialoge
Katalog zur Ausstellung
Erfurt, 1994, S. 7-10

Jos Arnold
Dreidimensionale Gestaltung
GhK Prisma Nr.16, Kassel 1977, S. 130-133

Hubert Böhner
Worte
in: Ubbo Enninga, Skulpturen
Ostfildern-Ruit (Cantz-Verlag), 1995, S. 6/7, S.32-111

Doris Braus van Essen
Erotik - Neue Bilder zu einem alten Thema
Katalog zur Ausstellung im Heidelberger Schloß
Heidelberg, 1993, S. 5-7

Ubbo Enninga
Alte Welt – Neue Welt
Text im Katalog zur Ausstellung
Stuttgart, 1999, S.10

Ubbo Enninga
Vision Manifestation
Katalog zur Ausstellung
Stuttgart,1992

Lydia Funk
in: Ubbo Enninga, Skulpturen
Ostfildern-Ruit (Cantz-Verlag), 1995, S.44-98

Marita Henkel
25-jähriges Jubiläum des
Abiturientenjahrgangs 1973
in: Lahntalschule Biedenkopf Jahrbuch 1998/99,
Haiger,1999, S. 28-36

Birgit Hund
Holz-wege
Katalog zur Ausstellung
Göppingen, 1992, S.17-21

Ingeborg Kimmig
Stipendiaten der Kunststiftung
Katalog zur Ausstellung
Stuttgart, 1983

Werner Marx
Skulptur vor Ort
Katalog zur Ausstellung
Heilbronn,1995, S. 6/7

Werner Meyer
Skulpturen im Stadtraum
in: Grossplastiken
Korntal-Münchingen, 1993, S. 6/7

Gerhard Pätzold
40 Jahre Marburger Kunstverein
Katalog zur Ausstellung
Marburg, 1993

Otto Pannewitz
Kunst Gegenwärtig
Katalog zur Ausstellung
Sindelfingen, 1994, S. 9-12

Eberhard Pröger
Grossplastiken
Katalog zur Ausstellung
Korntal-Münchingen, 1993, S. 10

Eberhard Pröger
Enninga im Alten Bau
in: Ubbo Enninga, Skulpturen
Ostfildern-Ruit (Cantz-Verlag), 1995, S. 24-30

Eberhard Pröger
Lyrische Seele Archaische Präsenz
Lotrecht im Kopf
in: Ubbo Enninga, Skulpturen
Ostfildern-Ruit (Cantz-Verlag), 1995, S. 62/63

Mihai Tropa
Eros – Die Würde
in: Ubbo Enninga, Skulpturen
Ostfildern-Ruit (Cantz-Verlag), 1995, S. 21/22

Anke Seitz
Ubbo Enninga und Jürgen Kubben:
Ein Spiel der Gegensätze?
in: Skulpturenrundweg Innen & Außen
Rechberghausen 2007

Reinhard Valenta, u. a., Hrsg.
Dialoge
Buch zur Ausstellung in Wehr/Baden
Kronach (Angles-Verlag), 2003

Andreas Vogel
Zwischen Tradition und Transzendenz
in: Ubbo Enninga, Skulpturen
Ostfildern-Ruit (Cantz-Verlag), 1995, S. 10-30

Rainer Wehr
Der Blick, der das Porträt hervorbringt.
Stuttgart, 1988, S. 33-35

Gabriele Zimmermann
Ubbo Enninga
Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Bühler
Stuttgart, 1994, S.92